Herr Beutler, die Gesundheitskosten steigen seit Jahren. Was genau bereitet Ihnen aktuell die grössten Sorgen?
Yves Beutler: Viele Menschen spüren steigende Krankenkassenprämien, lange Wartezeiten bei Haus- oder Kinderärzten oder Engpässe in der Psychiatrie. Was aber viel weniger sichtbar ist: Die Pflegefinanzierung belastet die Gemeinden immer stärker – und damit indirekt alle Steuerzahler.
Was ist aus Ihrer Sicht das Grundproblem der heutigen Pflegefinanzierung?
Seit 2011 teilen sich Krankenkassen, Pflegebedürftige und Gemeinden die Kosten. Die Idee war gut. In der Praxis steigen die Pflegekosten aber Jahr für Jahr – wegen der Alterung der Bevölkerung, mehr chronischer Krankheiten und wegen des Fachkräftemangels. Ein grosser Teil dieser Mehrkosten landet bei den Gemeinden, obwohl diese kaum Einfluss auf Tarife, Mengen oder Strukturen haben. Das ist fiskalpolitisch problematisch.
Was heisst das konkret für die Gemeinden in unserer Region?
Allein im Kanton St.Gallen sind die Nettoaufwände der Gemeinden stark gestiegen. Auch im Wahlkreis Wil reden wir heute über Millionenbeträge, die kaum steuerbar sind. Das führt zu weniger Spielraum für Investitionen und irgendwann zu Steuerdiskussionen – nicht wegen Luxusprojekten, sondern wegen eines gesetzlich vorgeschriebenen Versorgungsauftrags.
Sie sprechen von einem „systemischen Fehler“. Was meinen Sie damit?
Die Gemeinden bezahlen, können aber weder die Tarife festlegen noch die Mengenausweitung steuern. Es gibt keinen Kostendeckel, keine Mengensteuerung – nur die Pflicht zu zahlen. Das ist wie Autofahren ohne Lenkrad.
Sie schlagen mehrere Reformansätze vor. Beginnen wir mit der Verantwortung: Was müsste sich ändern?
Kosten und Steuerung müssen zusammengehören. Wer steuert, muss auch die finanzielle Verantwortung tragen – oder umgekehrt. Aufgaben an die Gemeinden zu delegieren, ohne ihnen echte Einflussmöglichkeiten zu geben, funktioniert langfristig nicht.
Ein konkreter Vorschlag von Ihnen ist die Unterscheidung zwischen Standard- und Komfortleistungen. Können Sie das erklären?
Nicht jede pflegebedürftige Person braucht automatisch ein neues Einzelzimmer mit hoher Komfortausstattung. Pflege ist etwas anderes als Hotellerie. Wenn wir Standard- und Komfortangebote trennen, können Gemeinden weiterhin die Pflege finanzieren – nicht aber den individuellen Zusatzkomfort.
Sie sehen auch grosses Sparpotenzial in der Zusammenarbeit der Heime. Wo genau?
In Bereichen wie Küche, Wäscherei, Administration, IT oder ärztlicher Versorgung. Vieles wird heute parallel organisiert, obwohl gemeinsame Lösungen günstiger und effizienter wären – ohne Qualitätsverlust für die Bewohnerinnen und Bewohner.
Ein weiterer Punkt ist die „Entflechtung des medizinischen Anteils“. Was bedeutet das?
Pflegeheime übernehmen zunehmend medizinische Aufgaben, die früher im Spital stattfanden – aber oft ohne passende Finanzierung. Diese Leistungen müssen sauber abgegrenzt und korrekt entschädigt werden, sonst verschiebt man Kosten einfach stillschweigend.
Sie betonen auch die Rolle der ambulanten Versorgung. Warum?
„Ambulant vor stationär“ ist richtig – aber nur, wenn genug Hausärzte, Spitex-Kapazitäten und Entlastungsangebote vorhanden sind. Sonst landen die Menschen früher im Heim, was am Ende teurer ist.
Zum Schluss sprechen Sie neue Finanzierungsmodelle an. Was stellen Sie sich darunter vor
Zum Beispiel Bonus-Malus-Systeme für Heime, die kosteneffizient und qualitativ gut arbeiten. Oder ein persönliches Pflegekonto, das die Eigenverantwortung stärkt. Wichtig ist vor allem: Die Finanzierung muss fair, transparent und langfristig berechenbar werden.
Was ist Ihre zentrale Botschaft an Politik und Bevölkerung?
Das Problem löst sich nicht von selbst – im Gegenteil. Die Babyboomer gehen in Rente, der Pflegebedarf steigt, das Personal wird knapper. Wenn wir jetzt nicht ehrlich und offen darüber sprechen, zahlen wir später alle einen deutlich höheren Preis. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir die Pflege künftig fair, effizient und steuerbar finanzieren.