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Kultur
01.09.2021
16.09.2021 07:16 Uhr

Anna Göldi – geliebt, verteufelt, enthauptet

Das Sachbuch in ergänzter Neuauflage von Walter Hauser enthält brisante neue Erkenntnisse und Dokumente. Bild: Ursi Schnyder-Mahr / Limmat Verlag
Einer der mysteriösesten Kriminalfälle: Der Fall Anna Göldi aus Sennwald. Darüber sowie über die Hintergründe des Hexenwahns und noch mehr veröffentlicht Autor Walter Hauser aus Weesen ein Sachbuch in ergänzter Neuauflage.

Walter Hauser, Jurist und Journalist, zeichnet auf rund zweihundert Seiten den Prozess gegen Anna Göldi (1734–1782) und seine Vorgeschichte spannend und akribisch nach. Er deckt mitunter kuriose und pikante Details auf wie zu prozessrechtlichen Verstössen oder zur Verfahrensfinanzierung. Ein spezielles Verdienst des Autors liegt darin, den Fall in seinen gesellschaftspolitischen Zusammenhang zu stellen und seine Auswirkungen bis heute aufzuzeigen.

Aus gutem Grund: Denn im Fall Anna Göldi geht es nicht nur um eine der wichtigsten historischen Frauenfiguren des Landes, nicht nur um einen klaren Femizid, wie man heute sagen würde, und es geht auch nicht nur um einen frühen Whistleblower in Europa. Die Geschichte reicht im Kern ihrer Bedeutung weit darüber hinaus.

Staatlicher Willkürakt, ein Justizmord

Gerade jetzt, wo verschiedene ideologische Strömungen danach trachten, die bis ins 18. Jahrhundert anhaltenden Hexenprozesse zu beschönigen und zum Beispiel den Prozess gegen Anna Göldi gemessen an den damaligen juristischen Standards als korrekt zu bezeichnen, ist Hausers Buch ein wichtiges Dokument. Es belegt, dass der Prozess gegen die Dienstmagd Anna Göldi ein staatlicher Willkürakt war, ein Justizmord, der nur mit einer arroganten Machtklüngelei erklärt werden kann.

Doktor Tschudi, der Dienstherr von Anna Göldi, schaffte es, den Fall zu seinen Gunsten umzudrehen. Der Richter und Ratsherr wurde unter massiver Verletzung klarer Prozessregeln vom Vorwurf des «verbotenen fleischlichen Umgangs» freigesprochen, derweil man Anna Göldi durch das Schwert enthauptete, weil sie angeblich Stecknadeln in den Magen des Kindes Annamiggeli Tschudi gezaubert und dabei die Hilfe des Teufels in Anspruch genommen haben soll.

Satanshysterie und Hexenwahn

Ein Klima der Satanshysterie und des Hexenwahns hatte damals solche Prozesse überall in Europa möglich gemacht; den Nährboden lieferte unter anderem der Churer Exorzist und Pfarrer Johann Josef Gassner (1727–1779). Er gab am Ende der Aufklärungsepoche dem Glauben an Teufel und Dämonen nochmals mächtig Auftrieb – und befeuerte die letzten drei europäischen Hexenprozesse im süddeutschen Kempten, im bündnerischen Tinizong und in Glarus.

Neue Erkenntnisse und Dokumente

Walter Hauser konnte sich für sein Buch auf zahlreiche neue Erkenntnisse und Dokumente stützen, darunter eine Trouvaille, die seit Oktober 2020 im Besitz des Anna Göldi Museum in Glarus ist und dort auch eingesehen werden kann: Der deutsche Journalist Heinrich Ludwig Lehmann (1754–1828) hatte in einem sogenannten Stammbuch nicht nur seine Beobachtungen am Prozessort genau protokolliert, im Buch haben sich auch viele wichtige zeitgenössische Akteure mit eigener Handschrift verewigt. Das Dokument gehört zu den wenigen im Original erhaltenen Quellen zum Fall Anna Göldi und enthält wichtige Nachweise. Insbesondere bestätigt es, dass es sich beim behördlich gesuchten Landesverräter, der Lehmann geheime Prozessdokumente zugespielt hatte, um Johann Melchior Kubli (1750–1835) handelte. Kubli war Protokollführer des Göldi-Prozesses und wurde später zum schweizerischen Justizreformer.

Entdämonisierung der Strafjustiz

Der Prozess gegen Anna Göldi war der letzte aktenkundige Hexenprozess in der Schweiz. Er leitete das Ende einer dreihundertjährigen Hexenverfolgung im christlichen Europa ein, der zehntausende von Frauen zum Opfer fielen, weil man sie als «natürliche Verbündete des Teufels» verunglimpfte. Der Fall ist aber auch ein Fanal, das die Entdämonisierung der Strafjustiz ins Rollen brachte und den Weg zum Rechtsstaat des 19. Jahrhunderts ebnete, wie Hauser darlegt. Rückschläge gab und gibt es dennoch – nicht zuletzt deshalb ist und bleibt das Buch hochaktuell.

Das Wichtigste in Kürze

«Anna Göldi – geliebt, verteufelt, enthauptet»

  • Ca. 200 Seiten, gebunden, ca. 20 Abbildungen
  • Überarbeitete und ergänzte Neuausgabe von «Der Justizmord an Anna Göldi»
  • Erscheint Ende August 2021 im Limmat Verlag, Zürich
  • Ca. SFr. 34.–, € 29.–
  • ISBN 978-3-03926-025-6

Der Autor

Dr. iur. Walter Hauser, geboren 1957 und aufgewachsen im Kanton Glarus. Der Ex-Kantonsrichter war auch journalistisch tätig, u.  a. als Redaktor bei der «Sonntagszeitung» sowie beim «SonntagsBlick». Er ist Gründer und Präsident der Anna-Göldi-Stiftung, die sich gegen Justiz- und Behördenwillkür engagiert und 2017 das Anna Göldi Museum in Glarus eröffnete. Er publizierte mehrere Sachbücher im Limmat Verlag: «Hoffen auf Aufklärung: Ungelöste Morde in der Schweiz zwischen Verfolgung und Verjährung» (2018), «Stadt in Flammen: Der Brand von Glarus im Jahre 1861» (2011) und «Bitterkeit und Tränen: Szenen der Auswanderung aus dem Tal der Linth und die Ausschaffung des heimatlosen Samuel Fässler nach Amerika» (1995).

Biographie des Autors
Walter Hauser