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Uzwil
09.06.2021

Lebensraum für Tausende...

Bild: jg
Biodiversität hat viele Gesichter. Im Siedlungsraum hat die Gemeinde Uzwil sichtbar in neue Blumenwiesen investiert. An einem praktisch ausgelegten Kurshalbtag gestalteten nun Hauswarte und Mitarbeitende des Unterhaltsdienstes Tausende von Wohngelegenheiten für Wildbienen und andere Insekten.

Um halb zwei treffen sich die Hauswarte von Schulen, Sportanlagen und anderen Gemeindeliegenschaften und die Gärtner des Unterhaltsdienstes in der Schulanlage an der Schöntalstrasse. Marcel Huber, Bereichsleiter Infrastruktur, hat sie zu einem weiteren Kurs eingeladen. Nach einer kurzen Einführung durch den Natur- und Umweltfachmann Stefan Nänni gehts gleich zur Sache. Die praktische Umsetzung steht im Vordergrund. Keine Stunde später hat das gute Dutzend Männer den bisher kargen Streifen entlang der Südfassade des Altbaus der Schulanlage verwandelt. Die Betonplatten, welche vorher entlang der Fassade verliefen, sind in Stücke zerbrochen und aufgetürmt. Hohlräume schaffen dort Lebensräume. Mit Steinen, Sand und Totholz sind weitere Lebensräume für Wildbienen und andere Insekten entstanden. Die Wohnungen sind parat, die Bewohnerinnen und Bewohner können einziehen. Die Männer schwitzen, es ist heiss vor der Südfassade.

Ohne Bienen kein Essen

Spricht man von Bienen, denkt man meist an Honigbienen. 600 andere Bienenarten bereichern die Vielfalt der Schweiz. Sie übernehmen einen Grossteil der Bestäubung von Kulturpflanzen und Wildblumen. Nur: Sie finden immer weniger geeignete Flächen für die Aufzucht ihrer Nachkommen. Oft fehlt ihnen auch ihre Nahrungsquelle – einheimische Wildblumen. Das ist zusammen mit anderen Faktoren dafür verantwortlich, dass etwa die Hälfte der Wildbienenarten der Schweiz vom Aussterben bedroht ist. Wer den Wildbienen – und damit am Ende der Nahrungskette auch den Menschen – Gutes tun will, sorgt für Lebensraum für Wildbienen. Sie lieben sonnige und trockene Standorte mit magerem Boden, mit Sandflächen, Steinhaufen und Totholz. Und sie brauchen einheimische Wildblumen.

Blumenwiesen erfreuen alle

Zurück zur Schöntalstrasse. Letztes Jahr entstanden direkt vor den neuen Unterkünften der Wildbienen Wildblumenstreifen. Sie runden jetzt das neue Zuhause ab. Und in Sichtweite blüht die bunte, prächtige Blumenwiese im Übergangsbereich der Schulanlage Schöntalstrasse zur Bahnhofstrasse. Immer wieder sind dort Leute zu sehen, welche die Pracht entzückt fotografieren. Hin und wieder bedient sich jemand mit einem Wildblumenstrauss. Einer der Hauswarte meint, anfangs habe er sich daran gestört. Man reisse doch nicht einfach die schönen Blumen ab. Inzwischen sehe er das als Kompliment für die gelungene Umgestaltung, solange Blumen im Masse verschwinden. Überhaupt ist bei den Hauswarten die Überzeugung zu spüren, mit solchen Aktivitäten hin zu mehr Biodiversität das Richtige zu tun. Auch wenn noch vor wenigen Jahren ganz anderes von ihnen gefordert war. «Wir sind flexibel», meint einer lachend.

"Just do it"

Marcel Huber geht es mit solchen praktischen Kursen darum, die gemeinsame Philosophie hin zu mehr Biodiversität auf den Anlagen zu stärken und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.  Er will den Hauswarten das Selbstverständis mit auf den Weg geben, eigenverantwortlich einfach zu tun. Oft seien es kleine Massnahmen und Veränderungen. Natürlich: Es gebe immer noch Menschen, bei denen solches Kopfschütteln auslöse, die lieber den gepflegten Rasen und das saubere, unkrautfreie Steinbeet sehen. Er meint aber, einen Wandel festzustellen. Die Akzeptanz für mehr Biodiversität seit vorhanden, auch wenn vielleicht fürs Auge dann nicht alles immer pikfein aufgeräumt erscheine. Im vergleichenden Blick würden etwa bunte Blumewiesen die Rasenflächen um Längen schlagen. Er betont: Für den Sportbetrieb in Schulen und Freizeitanlagen brauche es weiterhin intensiv gepflegte Rasenflächen. Aber nicht nur. Ein überwiegender Teil der Anlagen könne im Interesse der Biodiversität anders daherkommen. Wie das Beispiel der Schöntalstrasse schön zeige.

Ende und Start

Nach einer guten Stunde wenden sich die Männer dem Streifen entlang der Südwestfassade zu. Auch hier ist es schweiss-treibend heiss – auch hier ist damit ein idealer Standort für Wildbienen. Man sieht den Männern an, dass sie sich selbständiges Arbeiten und Anpacken gewohnt sind. Ohne grosse Worte machen sie sich auch hier mit beeindruckender Geschwindigkeit daran, Hand in Hand die bisher eher unterhaltsorientierten Flächen in hochwertige Lebensräume für Wildbienen zu verwandeln. Zum Schluss entsteht noch ein grosser Asthaufen. Ein Rückblick des Fachmanns auf die Arbeit bestätigt den Hauswarten, das Richtige getan zu haben. Nun kann sich die Natur diese Räume erobern. Und damit ist noch lange nicht Schluss. Das zeigt sich etwa daran, dass Marcel Huber am nächsten Tag erzählt, einer der Schulhauswarte wolle ein grösseres Projekt starten. Er will die Umgebung seiner Anlage zusammen mit den Schülerinnen und Schülern in Richtung Biodiversität verändern. "Just do it…"

Gemeinde Uzwil / UB