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Uzwil
06.02.2021
06.02.2021 22:14 Uhr

Regionale Ausnahme: Uzwils Männer sagten deutlich Ja

Frauen, die sich für gleiche Rechte einsetzten, wurden angefeindet – auch die Uzwilerin Margrith Bigler-Eggenberger. Den Helm trägt sie aber nicht deshalb. Das Bild entstand, als sie auf der Baustelle des Uzwiler Gemeindehauses zu Gast war. Im Gemeindehaus ist ihr ein Raum gewidmet. (Bild: Peter Dotzauer, Bildform Henau)
50 Jahre ist es her, seit die stimmberechtigten Schweizer Männer dem Frauenstimmrecht zustimmten. Wäre es nach der Mehrheit der Gemeinden in unserer Region gegangen, wäre das Resultat damals ein anderes gewesen, obwohl die Uzwiler Männer klar dafür gestimmt hatten.

Am 7. Februar 1971 war es endlich soweit. Mit 621‘109 Ja- zu 323‘882 Nein-Stimmen sagten die Schweizer Ja zum Stimm- und Wahlrecht für die Schweizerinnen. Mit fast zwei Dritteln ein klares Ergebnis. Allerdings: In den Kantonen St. Gallen, Thurgau und in beiden Appenzell wurde die Vorlage abgelehnt. Auch die Region tat sich nicht hervor, den Frauen den Weg zu gleichen politischen Rechten zu ebnen. Bronschhofen, Bütschwil, Degersheim, Flawil, Ganterschwil, Jonschwil, Kirchberg, Lütisburg, Niederbüren, Niederhelfenschwil, Oberbüren, Oberuzwil und Zuzwil: Sie alle sagten nein. In Niederbüren, Niederhelfenschwil und Lütisburg betrugen die Nein-Mehrheiten gar um 70%. Mit einem Zufallsmehr von neun Stimmen sagte Wil knapp ja. Klar zugestimmt haben damals nur die stimmberechtigten Uzwiler Männer: 824 Ja- standen 613 Nein-Stimmen gegenüber.

Frauen mussten kämpfen

Eine Frau der ersten Stunde war Margrith Bigler-Eggenberger. 1933 in Niederuzwil geboren, absolvierte sie hier die Schulen, schloss die Kantonsschule St. Gallen mit der Maturität ab. Danach studierte sie Recht und promovierte, erlangte das Anwaltspatent und arbeitete als Rechtsanwältin. Damals ein Weg abseits der anerkannten Frauenrolle. Margrith Bigler-Eggenberger wurde im Elternhaus politisiert. Sie verstand nicht, weshalb sie anders als ihr Bruder nicht wählen und abstimmen durfte. Sie war von früh auf überzeugt: In einer modernen Demokratie muss die Gleichstellung von Mann und Frau selbstverständlich sein. Als Juristin war sie konfrontiert mit Gesetzen, die Frauen oft schlechter behandelten als Männer. Juristinnen wie Margrith Bigler-Eggenberger wollten das ändern. Waren bereit, dazu selber einen hohen Einsatz zu leisten, wurden angefeindet. Sie kämpfte dafür, dass Frauen in der Politik mitentscheiden und mitgestalten konnten. Und sie wollte die neuen Chancen des Frauenstimmrechts selber nutzen.

Frau der ersten Stunde

Margrith Bigler-Eggenberger ging als Frau der ersten Stunde voran. Im Dezember 1971 wurde sie von der Vereinigten Bundesversammlung ohne grössere Probleme als Ersatzrichterin für das höchste Schweizer Gericht gewählt. Zwei Jahre später kandidierte sie als ordentliche Bundesrichterin. Es kam zu einer Wahl mit Nebengeräuschen. Die Unterlagen auf den Tischen der National- und Ständeräte zeigten das vernichtende Bild einer kaum qualifizierten Praktikantin und Hausfrau. «Offensichtlich wurde mein Lebenslauf zusammengestrichen, um das negative Bild der unfähigen Frau zu bestätigen, welche vom Kochtopf ins Bundesgericht will. Das hat mich sehr geschmerzt.» Ihre Dozentur an der Hochschule St. Gallen und ihr Amt als Versicherungsrichterin verschwanden über Nacht aus ihrem Lebenslauf. Die Wahl einer Frau in diese Männerdomäne wollte mit allen Mitteln verhindert werden. Ein veritabler Krimi im Bundeshaus. Mit gutem Ausgang: Margrith Bigler-Eggenberger schaffte die Wahl hauchdünn. Und blieb 17 Jahre lang die einzige Bundesrichterin.

Präsent im Uzwiler Gemeindehaus 

Im Uzwiler Gemeindehaus ist Margrith Bigler-Eggenberger ein Raum gewidmet. Dort tagt – wenn nicht grad Corona ist – auch der Uzwiler Gemeinderat. Seit Beginn dieser Amtsdauer stellen die Frauen erstmals die Mehrheit im siebenköpfigen Gremium. 50 Jahre, nachdem die Frauen das Stimm- und Wahlrecht erkämpften und erhielten.

«Dank der Emanzipation der Frau wissen wir heute, dass auch Männer kochen, waschen und putzen können. 😊 Ich bin froh, dass ich heute als Frau die Zukunft wirtschaftlich, familiär und politisch aktiv mitgestalten kann und ich mich ohne gesellschaftlichen Druck entfalten darf.»

Seraina Bär
Gemeinderätin

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«Die ‹göttliche Ordnung› wurde durch das Frauenstimmrecht ziemlich durcheinander gebracht, wie das im gleichnamigen Schweizer Film mit Humor aber auch Ernst veranschaulicht wird. Ich bewundere diese mutigen Frauen, die sich für die ‹neue Ordnung› eingesetzt haben und bin gerne bereit, meinen Teil dazu beizutragen.»

Renate Graf
Gemeinderätin

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«Es kommt nicht auf die Frauen- und Männerquoten an. Ausschlaggebend ist, mit erwachtem Bewusstsein durchs Leben zu gehen und jeden Tag Freude an dem zu haben, was wir tun…»

Marion Harzenmoser
Schulratspräsidentin/Gemeinderätin

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«Meinen Wegbereiterinnen bin ich sehr dankbar, setzten sie sich für die Gleichberechtigung ein. Denn: Wer etwas einbringen und mittragen möchte, muss auch die Möglichkeit dazu bekommen.»

Christine Wirth
Gemeinderätin

Gemeinde Uzwil / Uzwiler Blatt