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Kultur
23.04.2022
24.04.2022 09:34 Uhr

Dietenwil: Entwicklung nach Grossbrand vor 160 Jahren

Der beim Grossbrand einzig verschonte Bauernhof Keller um die Jahrhundertwende Bild: Ernst Inauen
Am 21. Mai 1862 fielen 34 der insgesamt 35 Gebäude des Weilers einem verheerenden Schadenfeuer zum Opfer. Das bäuerlich geprägte Dietenwil wurde bereits im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt, gehört zum Schulkreis Zuckenriet und liegt unmittelbar an der Grenze zum Kanton Thurgau.

Von Ernst Inauen

Gemäss mündlicher Überlieferung verloren beim Grossbrand die betroffenen Kleinbauern ihr ganzes Hab und Gut. Einzig der Bauernhof der Familie Keller, der etwas abseits der übrigen Gebäude steht, war von der Brandkatastrophe nicht betroffen. Frieda Keller, ehemalige Bäuerin der vorletzten Generation, verbringt ihren Lebensabend in der Altersiedlung Rotachhof in Zuckenriet, während ihr Sohn Bruno Keller und seine Familie den Bauernhof weiterführen. Sie weiss aus mündlicher Überlieferung über die traurige Geschichte viel zu erzählen und besitzt auch altes Bildmaterial. Ausserdem sind Aufzeichnungen des ehemaligen Niederhelfenschwiler Chronisten Jakob Traber (1902–1995) vorhanden, der bis in den 1950er-Jahren in Dietenwil wohnte. Aufgrund von ausführlichen Erzählungen seiner Grossmutter Marie Traber-Bisegger, die als 20-jähriges Mädchen das Schreckensszenario hautnah miterlebte, verfasste der Chronist eine Schrift über das damalige Leben im Weiler und den folgenschweren Grossbrand. In den letzten Jahren sind wieder vermehrt junge Familien in den Ort eingezogen, während dem viele Kleinbauernhöfe aufgegeben wurden. Nur noch auf drei Höfen wird heute noch aktiv Viehzucht und Milchwirtschaft betrieben.

Der gepflegte Bauernhof von Bruno Keller ist der grösste Betrieb der drei noch aktiven Höfe. Bild: Ernst Inauen

Vorbildliche Hilfsaktionen aus der Nachbarschaft

Aus Trabers Chronik geht hervor, dass damals die meisten Gebäude mit Schindeldächern bedeckt waren, Ein starker Wind habe die Flammen von Liegenschaft zu Liegenschaft weitergetragen. Glühende Schindeln seien weit über den Weiler hinaus weggeweht worden. „Aus den umliegenden Gemeinden rückten zahlreiche Helfer mit Feuerspritzen und Löschmaterial aus. Das Wasser wurde mit Webstoffkübeln herbeigeholt, um die Spritzen nachzufüllen“, heisst es im Bericht. Nach der katastrophalen Brandkatastrophe kam eine grosse Hilfsaktion aus den Nachbargemeinden ins Rollen, wie die Chronik der Gemeinde Niederhelfenschwil berichtet. Pfarrer Keller vom benachbarten Thurgauer Dorf Neukirch organisierte einen grossen Leiterwagen, mit dem obdachlose Kinder abgeholt und bei Bauernfamilien seiner Gemeinde untergebracht wurden. Der Kanton St.Gallen spendete 3‘000 Franken mit der Auflage, dass ein Drittel davon für den Bau einer Strasse verwendet werde. Viele zerstörte Liegenschaften wurden wieder aufgebaut, so unter anderem der stattliche Quellenhof, wo Jakob Traber im Jahr 1930 eine gemütliche Dorfwirtschaft eröffnete, die dann vom neuen Besitzer Ludwig Looser Senior bis in die 1970er-Jahre weitergeführt wurde.

Der stattliche Riegelbau (li) der ehemaligen Dorfwirtschaft Quellenhof wird heute von der Familie Martin Looser bewohnt / Ein echtes Schmuckstück des Weilers ist das gepflegte Fritsche-Haus. Bild: Ernst Inauen

Den Gemeinschaftssinn wecken

Die 86-jährige Frieda Keller-Hegglin wuchs in der Zentralschweiz auf. 1959 heiratete sie den Dietenwiler Landwirt Jakob Keller und wurde Mutter von sechs Kindern. Sie weiss viel Interessantes zu erzählen, so auch eine mündlich überlieferte Begebenheit beim Brand: „Bei Keller‘s wohnte noch eine Tochter, die kurz vor der Hochzeit stand. Als die Katastrophe ausbrach, rettete die Braut die ganze Aussteuer, indem sie alles in die entferntere Baumschule trug“. Gemäss Frieda Keller leben in Dietenwil aktuell 54 Personen, darunter vor allem junge Familien. Nicht in der Landwirtschaft tätige Erwachsene arbeiten auswärts und die siebzehn schulpflichtigen Kinder (elf Schüler und sechs Kindergärtler) werden in Zuckenriet beschult. Heute kann das dörfliche Gemeinschaftsleben nur beschränkt gepflegt werden, weil die Infrastruktur wie Dorfladen, Versammlungslokal oder ein Restaurant fehlen. Dennoch bemüht sich ein Dorfverein, der von Martin Looser präsidiert wird, um die Pflege des Ortsbildes, die Organisation einer jedes zweite Jahr stattfindenden Versammlung oder besonderen Anlässen. So wird auch am 13. August 2022 wieder ein gemütliches Dörflifest durchgeführt, das dem gemeinschaftlichen Dorfleben neuen Auftrieb verschaffen soll.

Der kleine Kreisel im Zentrum ist nicht nur Wendepunkt, sondern eine echte Zierde Bild: Ernst Inauen
Ludwig Looser baute ein neues Haus und vertrat Dietenwil mehrere Amtsdauern im Gemeinderat Niederhelfenschwil. Bild: Ernst Inauen
Das Haus des ehemaligen Mesmers von Heiligkreuz, Albert Klaus, wurde ebenfalls renoviert und erweitert. Bild: Ernst Inauen
Ernst Inauen